Schwiegertochter gesucht – die neue Staffel

Heinz Erhardt war ein Mann, der mit seinen Gedichten nicht nur seine Mitmenschen erheiterte, sondern in ihnen oftmals auch deutliche Kritik am Zeitgeschehen formulierte. Voll ins Schwarze getroffen hat er mit diesem kurzen Gedicht:

Um zu sehn was man sonst höre, erfand Herr Braun die Braunsche Röhre. Wir wären wir ihm noch mehr verbunden, hätt er was anderes erfunden.

Wie wahr, wie wahr! Leider ist es aber so, dass ich in entscheidenden Momenten immer wieder vergesse, mich auf diesen Ausspruch zu besinnen und dann den Fernseher doch einschalte; die Reue folgt dann allerdings meistens auf dem Fuße. Und so war es auch an den letzten beiden Sonntagen: Vera Int-Veen, die sprechende Vuvuzela, hat den Vorhang für die nunmehr vierte Staffel ihrer Kuppelshow “Schwiegertochter gesucht” gehoben und die ersten beiden Folgen wurden bereits auf die Menschheit losgelassen. Und wer durfte bei diesem spektakulären Ereignis vor der Glotze selbstverständlich nicht fehlen? – Genau! Ich!

Das Format der Sendung ist schnell erklärt: Eine Handvoll Muttersöhnchen, vorzugsweise zwischen 30 und 45 Jahren, sucht verzweifelt nach einer beziehungswilligen Partnerin. Damit der liebe Sohn es vielleicht doch noch einmal schafft im Leben mal halbwegs selbstständig auf eigenen Beinen zu stehen, wird er dabei tatkräftig von der Frau Mama unterstützt. Soweit zur Problematik.

Zur Lösung des Problems beitragen soll eben jene potentielle Schwiegertochter, die sich im Idealfall Hals über Kopf in den Volltrottel Sohn verliebt. Hierzu werden die dazu auserkorenen Prachtburschen einige Monate vor Beginn einer neuen Staffel in einer Sondersendung der schmachtenden Damenwelt präsentiert und die interessierten Frauen können sich dann schriftlich mit einem beigelegten Foto für einen der angepriesenen Männer bewerben. Die Kandidaten dürfen sich dann vor laufenden Kameras – zusammen mit den Eltern – aus ihren Zuschriften maximal zwei Frauen aussuchen, die sie dann für eine Woche zu sich nach Hause einladen – und dann beginnt die Show…

Gestern Abend flimmerte dann also die zweite Folge über den Kasten und bevor ich näher auf die Inhalte eingehe, möchte ich erst einmal meinen tiefen Respekt gegenüber dem Sender RTL bekunden! Dieser Respekt rührt übrigens daher, dass ich es einfach unglaublich finde, dass RTL es mit dieser neuen Staffel schon nach zwei ausgestrahlten Folgen geschafft hat, den ohnehin geringen Anspruch eines absoluten Trash-Formats wie “Schwiegertochter gesucht”, welchen man schon am absoluten Nullpunkt der Niveauskala vermutete und an dem es eigentlich nicht schlimmer kommen kann, noch deutlich weiter abzusenken! Fürwahr eine bemerkenswerte Leistung!

Es ist einleuchtend, dass ein Mann, welcher sich auf ein solches Sendungskonzept einlässt nur um doch endlich eine Partnerin zu finden, einige Defizite haben muss. Die Tatsache aber, dass sich im Anschluss tatsächlich noch eine Vielzahl von Frauen findet, die sich mit den Restposten und Ladenhütern des Heiratsmarkts zufrieden geben, zeigt ebenso anschaulich, wie verzweifelt manche Frauen sind.

Super-Mario

Einer dieser Ladenhüter ist der 35-jährige Versicherungssachbearbeiter Mario aus dem Bergischen Land. Zu seinen Hobbys zählen Nordic-Walking, Kochen und das Singen im Gesangsverein. Zudem ist Mario ein fanatischer Fan von Howard Carpendale und doubelt ihn sogar leidenschaftlich mit Karaoke-Auftritten, die bei den Opfern seiner Darbietungen für regelmäßiges Ohrenbluten sorgen dürften, denn Mario trifft beim singen alles, aber keinen Ton. Macht nichts. Dafür macht er optisch ordentlich was her: In Ermangelung eigener Haare trägt er beim Nachahmen seines großen Idols ein schickes Toupet und kommt so dem echten Carpendale auch ohne Gesangstalent verdammt nah.

Mario hat sich aus seinen Zuschriften auch zwei Sahneschnitten nach Hause eingeladen: Die durchaus hübsche Karin (38), die bei der Partnerwahl offenbar unter starker Geschmacksverkalkung leidet, sowie die extrem unansehnliche Susanne (33), die mit ihren nur noch rudimentär vorhandenen Restzähnen ein optisch ansprechendes Gegenbild zu Mario abgibt.

Mario und seine Eltern empfangen die beiden Damen im heimischen Garten und der Hobbykoch hat diesmal auf’s kochen glatt verzichtet und empfängt die Damen mit Rohkost: Als Hommage an die Siebziger werden die Gäste von Mario, der selbst die Ausstrahlung einer halben Mettwurst hat, folgerichtig mit einem liebevoll gestalteten Mettigel begrüßt.

Wer nicht weiß was ein Mettigel ist und wie er aussieht, der klickt einfach mal hier:

Mettigel

Jener Mettigel, der zusammen mit einer selbst zusammengepanschten Fruchtbowle serviert wird, steht bis zur Ankunft der Gäste übrigens mehrere Stunden bei 35 Grad Außentemperatur in der prallen Sonne. Wohl bekomms…

Niveau ist keine Handcreme, denn die heißt Nivea

Kommen wir zu Carsten, dem 44-jährigen Wellness-Trainer aus Niedersachsen. Ja, Carsten sieht von allen seinen Mitbewerbern wirklich am besten aus, keine Frage. Leider hat Carsten aber neben seinen optischen Vorzügen nicht viel zu bieten; insbesondere die feinen Antennen für Stil und Fingerspitzengefühl scheinen etwas unterentwickelt zu sein. Carsten hatte in seinem Bewerbungsvideo aus seinen Präferenzen keinen Hehl gemacht: Die Traumfrau muss Spaß am Sex haben. Punkt. Daran ist grundsätzlich auch nichts auszusetzen, aber wie man das ausdrückt ist eben auch eine Stilfrage und dann gilt manchmal eben auch: “Die Geister, die ich rief…”

Da Carsten nun also wirklich nicht schlecht aussieht, hat er mit Abstand auch die meisten Zuschriften aus der Damenwelt bekommen. Auch er lädt sich zwei Frauen nach Hause ein: Die Nageldesignerin Angie und die Zahntechnikerin Nicole. Wollte man beide Frauen kurz beschreiben, so kann man sagen, dass die 39-jährige Nicole eine sehr hübsche Frau mit Anstand und Manieren ist, bei der man gar nicht versteht, dass sie sich auf so etwas einlässt, während Angie vom Aussehen und Verhalten, eher der Typ Frau ist, den man, nun ja, an jedem Großstadtbahnhof für eine Rolle 10-Cent-Stücke nach Hause abschleppen kann. Als beide Frauen endlich bei Carsten und seiner Mutter angekommen sind, macht man es sich draußen auf der Terrasse bequem. Mutter Brigitte (73) zaubert bei dieser Gelegenheit ein Tablett mit Cocktails hervor und Carsten lässt es sich nicht nehmen, seinen Frauen die erfrischenden Getränke anzupreisen; es gibt den “Orgasmus” und den “Wilden Sex”. Die frivol-stupide Getränkeauswahl dient selbstverständlich als Stichwortgeber für das nachfolgende Gespräch: Angie kommt passend zum Getränk, sie wählte den “Wilden Sex”, natürlich auch gleich auf’s Thema, was Mutter Brigitte beschämt die Augen verdrehen lässt. Ja, wer konnte denn auch ahnen, dass sich das Gespräch bei solchen Getränkenamen in diese Richtung drehen würde? Dabei ist das bei Carsten und Angie so, als würde man einem Hund einen saftigen Knochen hinschmeissen und erwarten, dass er sich gleichgültig und uninteressiert abwendet.

Angie geht dann auch richtig ran und das Thema Ficken ist Gesprächsstoff Nummer 1. Als Angie Carsten dann im Wohnzimmer noch eine Massage verpasst, platzt der zurückhaltenden Nicole der Kragen und Carsten serviert den “Störenfried” Nicole dann ab. Man darf gespannt sein, wie es zwischen Carsten und Angie weitergeht. Tendenziell gesehen müsste die beiden in der nächsten Folge schon völlig enthemmt vor der Kamera vögeln.

Gaudi in der Lederhosn

Nun aber zu Günter: Der 41-jährige Trachtenfreund schmeisst sich für seine zwei eingeladenen Auserwählten richtig in Schale: Ab in die Lederhose, mit Hut, Stock und Bollerwagen bewaffnet, macht sich der leidenschaftliche Bierdeckelsammler auf zum Busbahnhof um seine beiden Frauen abzuholen. Günter hatte noch nie eine Freundin und man mag sich erstaunt die Frage stellen, was der fanatische Biedeckelsammler in seinen 41 Lebensjahren bisher wohl gemacht haben könnte. Doch ist es wohl so, dass die Jagd nach außergewöhnlichen Bierdeckeln einfach zu viel Zeit verschlingt und für Frauen bisher einfach keine Zeit war. Die beiden Frauen die ihn und seine Mutter Anna besuchen, machen einen recht bodenständigen Eindruck und auch der Raumpfleger Günter scheint – im Gegensatz zu seinen Mitbewerbern – von seinem Bierdeckelfimmel abgesehen halbwegs normal zu sein. Mal sehen, was in den nächsten Folgen noch so passiert…

Endlich mal normale Leute!

Auch wenn “Schwiegertochter gesucht” wahrlich eine Freakshow ist, so ist es doch erfrischend und angenehm, bisher wenigstens einen Kandidaten zu sehen, der normal, bodenständig und bei Verstand ist: Es ist der Hundezüchter André, der mit seiner Körpergröße von 1,25 m doch einer der Großen dieser Staffel ist. Der sympathische 40-jährige züchtet Hunde und hatte das große Glück, mit seinem Aufruf auch eine Frau in seiner Größe zu finden, die zudem auch Hundezüchterin ist, nämlich die fünf Zentimeter kleinere Christiane. Beide geben ein stimmiges Bild ab und es wäre ihnen zu wünschen, dass es zwischen ihnen klappt. Wie es mit André und Christiane weitergeht ist meines Erachtens im Augenblick der einzige legitime Grund, sich diese Sendung überhaupt weiter anzusehen.

Von Kratzbildern und alten Bekannten…

Peer aus Brandenburg ist 30. Und Peer ist höflich gesagt stark unterbelichtet. Und Peer ist damit gleichzeitig auch Aufhänger für die Frage, welche Verantwortung ein Sender wie RTL und auch die Produzentin Vera Int-Veen eigentlich für solche Kandidaten übernehmen, die aufgrund ihrer Beschränktheit das Ausmaß eines Auftritts in einer solchen Sendung mit Millionen Zuschauern und die Folgen die daraus erwachsen können, nicht mal im Ansatz zu überblicken vermögen. Andererseits sind es aber wohl genau diese Kandidaten, die in der Hauptsache für eine solche Show überhaupt ausgewählt werden: Man nehme im Großen und Ganzen Freaks und einen oder höchstens zwei normale Leute, um dem Spektakel den Anschein einer repräsentativen Auswahl zu geben und fertig ist das Sendungsformat, welches kurz gesagt darauf beruht, eben jene skurrilen Charaktere zu zeigen, die man im wahren Leben, also außerhalb der Mattscheibe, eigentlich eher nicht kennen lernen möchte – schon gar nicht als potentiellen Lebenspartner.

Und so passt Peer natürlich wie die Faust auf’s Auge in das Sendungsformat: Peer lebt bei seiner Großmutter irgendwo in Brandenburg. Und irgendwo dort steht auch der Bauernhof, auf dem Peer einen Großteil seiner Zeit verbringt und sämtliche Tiere bereits mit Namen kennt. Das mag ja auch noch ganz nett erscheinen. Wer Peer jedoch gesehen und reden gehört hat, der weiß Bescheid: Wir reden hier über einen Menschen, der sich nicht einmal in klaren Sätzen zu artikulieren vermag, der “Kratzbilder” und Bollywood-Filme als sein Hobby angibt – und das war’s auch schon aus dem Leben von Peer. Die restliche Zeit verbringt Peer damit, seiner grenzdebilen Oma Kuchen zu verköstigen und sich darum zu kümmern, dass die gute Stube sauber bleibt – mithilfe von Schlappen in bevorzugt unausstehlichen Farben und Mustern, die jeder Besuch unweigerlich bereits an der Eingangspforte gegen sein Straßenschuhwerk tauschen muss – bis auf Vera Int-Veen, da macht Peer ausnahmsweise mal eine Ausnahme.

Erstaunlicherweise hat auch Peer Post erhalten und wählt zwei Frauen aus, die ihn besuchen dürfen. Darunter ist auch eine alte Bekannte, nämlich die 27-jährige Beate aus dem Westerwald, die bereits in der letzten Staffel bei Jens ihr Glück versuchte und durch ihre Armbehaarung und ihre Vorliebe für hochpeinliche Gedichte dem ein oder anderen noch in grausiger Erinnerung sein dürfte. Genau diese Beate hat es sich auch diesmal nicht nehmen lassen, sich wieder einen geeigneten Kandidaten auszusuchen. Aber da wäre ja noch die 29-jährige Tamara als Gegenpol. Die Einkäuferin für Flugzeugteile kommt nämlich auch zu Peer und sofort entbrennt zwischen Tamara und Beate ein Zickenkrieg um den heißen Peer. Das Ganze endet damit, dass Beate geknickt die Heimreise antritt. Wieder hat es nicht geklappt. Dabei hatte sie für Peer so ein tolles Fensterbild gemalt und extra ein Gedicht einstudiert. Dass Tamara bei dieser Gelegenheit ein besseres Gedicht aus dem Hut zauberte, ist dabei die Tragik des Lebens. Tragisch ist ebenso, dass Tamara offensichtlich in einer Parallelwelt zu leben scheint, in der sämtliche Naturgesetze und im Besonderen die von Charles Darwin außer Kraft gesetzt zu sein scheinen: In ihrer Welt scheint es so zu sein, dass der Mann ein willen- und geistloser Hampelmann sein muss, der zu allem Ja und Amen sagt und die Frau über ihm thront. Je blöder, desto anziehender. Tamara mag zwar alles andere als eine Schönheit sein, sie ist aber offenbar nicht dumm und ist resolut. Obwohl: Über das Dumm könnte man bei einer solchen Partnerwahl noch mal ausgiebig diskutieren…

Zwischenfazit nach zwei Folgen:

RTL und Vera Int-Veen haben sich mit der vierten Staffel von “Schwiegertochter gesucht” völlig unerwartet noch einmal selbst übertroffen. Das Schauen dieser Sendung ist für bekennende Masochisten Pflichtprogramm, kommt es doch einer geistigen Selbstverstümmelung gleich. Zarteren Naturen sei am Sonntagabend vom Anschauen der Sendung dagegen auf das dringendste abgeraten!!!

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