“Der Apfelkern kennt seine Zeit”, sagt ein russisches Sprichwort und meint damit, dass es für alles im Leben einen richtigen Zeitpunkt gibt.
Adolf Sauerland ist dieses Sprichwort scheinbar nicht bekannt. Das Duisburger Rathaus mit seinen mächtigen Holztüren ist für ihn im Augenblick wohl so etwas wie eine Trutzburg, in der er die massiven Rücktrittsforderungen und Vorwürfe gegen seine Person offensichtlich stur und unnachgiebig auszusitzen gedenkt. Und gewiss: Ich selbst habe ihm vor ein paar Tagen eine E-Mail geschrieben, in der ich zwar auch zum Ausdruck brachte, dass er als Oberbürgermeister gut daran täte, seinen Posten zur Verfügung zu stellen, ihm jedoch auch mein Mitgefühl für all die Wut und den Hass der Menge, die auf ihn einprasselt, entgegenbrachte.
Die Frage warum ich das tat liegt darin begründet, dass ich als überzeugter Demokrat zunächst einmal davon ausgehe, dass eine Schuld erst bewiesen werden muss, bevor man jemanden verurteilt. Eine Person öffentlich an den Pranger zu stellen, zu beschimpfen und ihn und seine Familie mit Morddrohungen zu überziehen, ist nach meiner Auffassung von Recht völlig inakzeptabel!
Gleichzeitig ist es ebenso unverständlich, dass ein Berufspolitiker wie Adolf Sauerland derart wenig Gespür für angemessene Reaktionen hat und offensichtlich nicht zwischen politischer und persönlicher Verantwortung zu unterscheiden vermag. Es ist daher mehr als erstaunlich, dass ein Mann wie er es an die Spitze dieser Stadt geschafft hat, denn als Chef der Verwaltung, der der Oberbürgermeister nun einmal ist, muss er die politische Verantwortung tragen – ohne Wenn und Aber. Dazu gehört, dass er als Befürworter der tragischen Loveparade in Duisburg eine moralische Verantwortung übernimmt und von seinem Amt als Oberbürgermeister zurücktritt. Eine persönliche Schuld – ich hatte das in einem anderen Beitrag bereits deutlich gemacht – ist davon unberührt und eine separate Fragestellung!
“Die Würde des Menschen ist unantastbar”, so steht es im Grundgesetz. Was aber, wenn ein Mensch seine Würde selbst an den Kleiderhaken hängt und sich, seine Familie und auch eine ganze Stadt der Würdelosigkeit preisgibt? Dass ein Bürgermeister nach dem Chaos der ersten Tage, wo zahlreiche Details noch nicht geklärt sind und die zentralen Fragen der Geschehnisse noch aufgearbeitet werden müssen, erst einmal abwartet und sich selbst noch über seine Rolle im Klaren werden und das Geschehene für sich selbst als Mensch verarbeiten muss, kann ich persönlich noch nachvollziehen. Nach dem unwahrscheinlichen Druck aus der Politik und der Bevölkerung ist es mir spätestens mit dem heutigen Tage allerdings völlig unverständlich, wie Herr Sauerland nach Lage der Dinge noch immer davon ausgehen kann, das Ende dieser tragischen Geschichte, die sich noch Wochen hinziehen kann, aushalten zu können. Wie man dieser Tage in den Zeitungen liest, spielt zuletzt vielleicht auch die finanzielle Zukunft von Herrn Sauerland eine nicht unerhebliche Rolle: Da die Gemeindeordnung offenbar keinen Rücktritt eines Oberbürgermeisters vorsieht, müsste er bei der Ministerpräsidentin zur Entlassung aus seinem Amt um die Auflösung seines Beamtenverhältnisses bitten. Der ehemalige Studiendirektor Sauerland, immerhin 55 Jahre alt, verlöre damit all seine Bezugsansprüche auf eine Pension. Einzige Lösung wäre da, dass er ordentlich als Oberbürgermeister abgewählt wird – damit blieben auch seine Ansprüche erhalten. Die Partei Die Linke hat hierzu bereits einen Antrag gestellt, allerdings tagt der Rat nach der Sommerpause erst wieder Anfang Oktober. Dass Sauerland bis dahin durchhalten kann, scheint zweifelhaft. Dazu die Vorstellung, dass Adolf Sauerland irgendwann in ein paar Wochen bei einem Fest in der Stadt das Fass ansticht – schier undenkbar!
Es sind schon ganz andere Politiker für ganz andere – und im Vergleich harmlosere – Vorgänge vor die Öffentlichkeit getreten und haben ihren Rücktritt erklärt. Adolf Sauerland schadet unserer Stadt mit jedem weiteren Tag, in dem er sich an sein Amt klammert, nachhaltig und hat das schmale Zeitfenster, welches ihm für einen Rücktritt blieb, um der Stadt, dem ganzen Land und auch dem Ausland zu zeigen, dass er ein Mann von Format ist und auch Verantwortung zu tragen vermag, unwiderruflich überschritten.
Dabei hätte er auch nach der für Duisburg verhängnisvollen Katastrophe für unsere Stadt noch etwas herausholen können: Er hätte zeigen können, dass Duisburg eine Stadt ist, in der Verantwortung nicht kleingeschrieben wird, sondern als stille Wiedergutmachung für das, was ja gar nicht wiedergutgemacht werden kann, VERANTWORTUNG übernommen wird. Ein vergleichsweise kleiner Schritt für einen Menschen wie Sauerland, aber ein Großer für all die Menschen, die in ihrem Leid und ihrer Trauer verzweifelt nach Antworten und eben jenen Personen suchen, die sich zu ihrer – wenn auch nur moralischen – Schuld bekennen! Ein Akt der Größe in einer schier erbarmungswürdigen Stunde!
Sauerland hat unserer Stadt stattdessen jedoch einen wahren Bärendienst erwiesen und jeder weitere Tag, in der dieser Oberbürgermeister im Amt ist, ist ein Schlag ins Gesicht für die Opfer, die Bürger dieser Stadt und für die ganze Nation!
Das Zeitfenster für eine würdevollen Rücktritt hat sich geschlossen – und Adolf Sauerland wird als tragische und jämmerliche Figur in die Geschichte dieser Stadt eingehen – das hat er sich sicherlich anders vorgestellt. Aber “wer zu spät kommt”, das wusste schon Gorbatschow, “den bestraft das Leben!”